Heiligkeit ist kein Luxus

Benedikt XVI. und Mutter Teresa sind sich einig: Heiligkeit ist kein Luxus

vom Opus Dei

Barocke Freskenmaler haben ebenso wie mittelalterliche Legendenschriftsteller mit ihren Heiligendarstellungen der Nachwelt gerade in Bayern unzählige kulturelle Kostbarkeiten hinterlassen. Es bedarf keiner prophetischen Gabe, um vorauszusehen, dass sich daran, sofern sie erhalten bleiben, auch Generationen folgender Jahrhunderte herzlich erfreuen werden. 

Doch wo es viel Sonnenglanz gibt, findet sich auch Schatten. So haben die häufig wundersamen Einblicke in das Leben heiliger Männer und Frauen unweigerlich dazu geführt, dass das Ideal der Heiligkeit den Christen ebenso weit entrückt erscheint wie die Heldentat eines heiligen Georg im Kampf mit dem Drachen oder das Martyrium einer heiligen Cäcilia. Ein nicht selten von plumper Diesseitigkeit geprägter Zeitgeist hat diese Entwicklung noch beschleunigt. Früher animierten die manchmal überzeichneten Schilderungen der Tugenden in den Heiligenleben die Menschen zur Nachahmung. Jetzt rufen sie oft nur ein müdes Lächeln oder ein Schulterzucken hervor.  

Diese Diskrepanz treibt auch Papst Benedikt XVI. um. Die Gemeinschaft der Heiligen sei keine kleine Gruppe Auserwählter, erklärte er Allerheiligen 2006 im Petersdom. Es sei vielmehr eine unzählige Schar uns meist unbekannter Getaufter, die versucht hätten, mit Liebe und in Treue den Willen Gottes zu erfüllen. Mit den Augen des Glaubens sähen „wir sie am Firmament Gottes strahlen wie herrlich leuchtende Sterne". Klingt das noch sehr gläubig-verklärt, so verkündete er wenig später: „Alle Christen sind zur Heiligkeit berufen." Und zwar als Menschen, die mit beiden Beinen auf dem Boden stünden, deren Herz aber schon im Himmel sei, „der endgültigen Heimat der Freunde Gottes".

Bereits 2002 hatte er im „L'Osservatore Romano" anlässlich der Heiligsprechung des Opus Dei-Gründers Josemaría Escrivá ein weiteres Verständnisproblem aus dem Weg geräumt. Weil beim Prozess für die Heiligsprechung nach „heroischen" Tugenden geforscht werde, entstehe eine „irrige Vorstellung von Heiligkeit", die gerade von Escrivá korrigiert worden sei: „,Das ist nichts für mich', denken wir unwillkürlich, ,denn ich fühle mich unfähig zu heroischen Tugenden; das ist ein zu hohes Ideal für mich'", sprach er aus, was  viele empfinden. Bei einer solchen Sicht bleibe die Heiligkeit ein paar „Großen" vorbehalten, die ganz anders seien als wir gewöhnliche Sünder. „Nicht der Kopfsprung in den Heroismus macht den Menschen heilig, sondern das geduldige und demütige Gehen mit Jesus, Schritt für Schritt", hatte er deshalb in seinem Buch „Auf Christus schauen" formuliert. 

Heroische Tugend bedeute nicht, „dass der Heilige eine Art ,Heiligkeits-Gymnastik' betreibt, etwas, was die gewöhnlichen Menschen nicht zu tun im Stande sind". Verblüffend die Definition des Papstes: „Heilig sein ist nichts anderes als mit Gott reden, wie ein Freund mit einem Freund redet." Der Heilige stehe nicht über den anderen, er könne sehr schwach sein, mit vielen Fehlern behaftet.

„Die Heiligkeit ist jene tiefe Tuchfühlung mit Gott, die Freundschaft mit ihm: Sie besteht darin, den Anderen handeln zu lassen, den Einzigen, der die Welt wirklich gut und glücklich machen kann", erläuterte er. Jeder sei fähig, die Hände Gottes nicht loszulassen, immer wieder zum Herrn zurückzukehren, „wohl wissend, dass der Herr wirklich der wahre Freund aller ist, auch jener, die mit eigenen Kräften keine großen Dinge vollbringen können". Das sah die selige Mutter Teresa von Kalkutta ähnlich, als sie auf ihre prägnante Weise erklärte: „Heiligkeit ist kein Luxus für Wenige, sondern eine einfache Pflicht für jeden von uns."

  • von Bernd Kreuels, Münchner Merkur