Ist das Opus Dei ein elitärer Klub, Herr Weber?

Emanuel Walser und Angelika Drnek von der Kronen Zeitung haben beim neu ernannten Regionalvikar des Opus Dei in Österreich, Robert Weber (40), nachgefragt. Das ausführliche Interview erschien in der Sonntagsbeilage „s’Magazin“ der Vorarlberger Ausgabe der Kronen Zeitung am 19. März 2017.

Opus Dei in Österreich
Opus Dei - Ist das Opus Dei ein elitärer Klub, Herr Weber?

In Dan Browns Bestseller „Sakrileg“ kam das Opus Dei nicht gerade gut weg. Aber auch außerhalb von Romanwelten kann das „Werk“ den Ruf des Geheimbündlerischen nicht ganz abschütteln. Umso überraschender, dass der neue Regionalvikar wie selbstverständlich dem Interview zustimmt.

Dem Opus Dei eilt der Ruf voraus, hinter verschlossenen Türen zu agieren. Was hat es mit der Geheimniskrämerei tatsächlich auf sich?

Ich hoffe, dass wir durch die Bereitschaft, dieses Interview so unkompliziert und spontan zu geben, das Gegenteil unter Beweis stellen. Ich freue mich, wenn jemand sich informieren will. Das zeigt wohl, dass es mit dem Vorwurf der Geheimniskrämerei nicht weit her ist.

Die Außenwahrnehmung steht oft in Widerspruch zur Innenansicht. Haben Sie damit öfters zu kämpfen?

Wir versuchen natürlich, auf die Menschen zuzugehen. Wenn man von du zu du mit solchen Meinungen konfrontiert wird, kann man das auch von du zu du aufklären. Da lösen sich diese Widersprüche meistens schnell in Luft auf.

Einer der Vorbehalte ist, dass es sich beim Opus Dei um eine Art elitären Klub handelt. Auch aufgrund der vielen Akademiker, die Mitglieder sind.

Alle sind eingeladen, das Opus Dei kennenzulernen. Unsere Bildungstätigkeiten richten sich nicht nur an Akademiker. Ich habe beispielsweise mit Lehrlingen zu tun gehabt, oder auch mit Flüchtlingen.

Fakt ist aber, dass der Führungszirkel des Opus Dei ausnahmslos aus Akademikern besteht. Warum?

Das Opus Dei versucht, Menschen zu helfen, ihren Alltag ernst zu nehmen und zu heiligen. Das schließt auch ein, die eigenen beruflichen Verpflichtungen ernstzunehmen, als Mutter, als Fabriksarbeiter, als Akademiker. Wenn die Lebenssituation im Mittelpunkt steht und zur Begegnung mit Christus führen soll, muss man den Beruf ernst nehmen. Anfangs war es auch sinnvoll, mit Akademikern zu starten, dann aber in alle Gesellschaftsschichten vorzustoßen. Das ist auch die Realität anderer Länder, wo das Opus Die stärker vertreten ist. Ich hoffe, dass wir in Österreich bald soweit sind.

Aber im Führungszirkel ist der akademische Titel ein Muss. Ein Lehrling wird es nie zum Numerarier schaffen.

Die Numerarier sind jene, die im Besonderen verfügbar sein sollen für die Weiterbildung anderer. Eine akademische Ausbildung ist da natürlich sinnvoll, das wird auch so bleiben. Aber Numerarier sind nur ein kleiner Teil des Opus Dei - und sie sind nicht mehr Opus Dei als andere Mitglieder.

Ein anderes Vorurteil ist, dass das Opus Dei nach Einfluss sowohl in der Kirche als auch in der Politik strebt. Finden Sie es gut, wenn Mitglieder des Opus Dei wichtige Positionen etwa in der Politik einnehmen?

Die Mitglieder sollen ihre berufliche Realität zu heiligen versuchen, sollen dort Christus finden, sollen ihre Arbeit gut machen. Dass sie dadurch auch manchmal in einflussreiche Positionen gelangen, ist nachvollziehbar. Dass aber gezielt versucht würde, Opus Dei-Mitglieder in Machtpositionen zu steuern, ist nicht die Realität, die ich kenne – und ich bin immerhin der neue Regionalvikar.

Haben Sie sich mit der Geschichte des Opus Dei kritisch auseinandergesetzt, etwa mit den Verwicklungen mit dem spanischen Franco-Regime?

Für mich ist das ein Thema mit völlig untergeordneter Bedeutung. Natürlich habe ich dennoch einiges dazu gelesen. Der jetzige Oberhirte des Opus Dei stammt aus einer Familie, die wegen Franco ins Exil gehen musste, man sollte also mit Schwarz-Weiß-Deutungen vorsichtig sein. In den vergangenen Jahren gab es wohl den einen oder anderen Minister in Spanien, der Opus-Dei-Mitglied war. Aber sicher nicht, weil er vom Opus Dei war, sondern weil er seine Arbeit ernst genommen hat. Deshalb würde ich fast sagen, er wurde Minister, obwohl er zum Opus Dei gehört.

Muss ein guter Christ Ehrgeiz im Beruf zeigen?

Wir sollten das Beispiel Jesus Christus ernst nehmen, der 30 Jahre lang im Verborgenen gewirkt hat. Auch an Tagen, an denen er müde war, hat er in Nazareth froh gearbeitet und pünktlich seine Aufträge abgeliefert. Das ist kaum vereinbar mit einer bequemen, nachlässigen Haltung.

Ehemalige Mitglieder des Opus Dei sprechen oft über die starken Strukturen des Werks, die sehr verführerisch für sie waren, allerdings auch von Manipulation und Gehirnwäsche.

Ich kenne nur die Realität, dass man die Freude am Glauben entdeckt – und diese konsequent zu leben lernt. Von diesen Strukturen und Vorgaben spüre ich nichts. Aber natürlich bindet man sich ein, man nimmt das christliche Leben ernst. Aber auf eine unkomplizierte Art und Weise.

Ist jemand ein guter Christ, auch wenn er nicht regelmäßig in die Kirche geht oder betet?

Selbstverständlich kann eine solche Person ein guter Mensch und ein guter Christ sein. Aber vielleicht sollte er noch etwas mehr entdecken: Dass Christus durch seine Kirche den Menschen von heute erreichen möchte – durch die Sakramente, die Eucharistie, er möchte sich berührbar machen lassen für den Menschen. Das muss man entdecken, da muss man staunen, sich begeistern.

Sie haben Ihr Studium von Anfang an mit dem Dienst im Opus Dei verbunden. Die Seelsorge und das Priesteramt im klassischen Sinn auszuüben, war für Sie keine Option?

Kaum. Das war ganz kurz vielleicht ein Gedanke. So wie jeder als Kind einmal Feuerwehrmann werden will. Aber der liebe Gott hat andere Wege für mich gewählt.

Sie sind studierter Jurist, also auch ein Kopfmensch. Stand das jemals im Widerspruch zu Ihrem Glauben?

Gerade das Kopflastige hat mich dazu geführt, den Glauben in der Tiefe kennenlernen zu wollen, nachzufragen, zu suchen. Das ist die ja die Antriebskraft zu Gott hin, das sind die Anfänge der Theologie, wenn man so will.

Was ist der Sinn des Lebens?

Meine große Entdeckung war, dass Christus mich sucht, dass Gott auf mich zugeht, dass er nach einer Antwort ruft – und dass ich diese Antwort inmitten meines Alltags geben kann. Ich kann es nur jedem wünschen, im Alltag Christus zu finden und die Freude des Glaubens mitten im Leben zu entdecken. Das ist ein erfülltes Leben.

Dem Glauben Platz zu geben, spiegelt sich auch in vielen Ritualen des Opus Dei. Unter anderem gibt es die Selbstgeißelung. Haben Sie heute schon den Bußgürtel getragen?

Wenn mich das Freunde im Café fragen, antworte ich gerne. Ich habe lernen dürfen, die Buße mitten im Alltag zu leben - mit einfachen Dingen: Rechtzeitig aufstehen, die Arbeit anpacken. Über alle anderen Dinge gebe ich gerne im Freundeskreis Auskunft.

Im Opus Dei ist es vorgeschrieben, einmal in der Woche zu beichten. Warum braucht es da noch Buße, mit der man symbolisch Schuld auf sich nimmt?

Darf ich eine Gegenfrage stellen? Haben Sie am Aschermittwoche gefastet?

Ja.

Warum?

80 Prozent Tradition, 20 Prozent religiöse Prägung aus der Kindheit.

Gut. Ich denke, es ist einleuchtend, dass jeder Mensch auch eine Zeit der geistigen Entschlackung braucht, um sich zu orientieren und sich auf Christus neu auszurichten. Die Fastenzeit ist dafür da, doch sollte es auch das ganze Jahr über Momente geben, in denen man sich neu ausrichtet. Dafür ist die Buße da.

Haben Sie Fastenvorsätze gefasst?

Ja. Ich möchte meine Zeiten des Gebets ernster nehmen und stärker gegen Zerstreuung kämpfen. Auch das rechtzeitige Aufstehen und Zubettgehen versuche ich Christus zu schenken.

Braucht der Mensch nicht ab und zu Zerstreuung?

Unbedingt. Sport oder andere Erholung ist wichtig. Ich bin beispielsweise begeisterter Tennisspieler. Aber alles zu seiner Zeit.

Gerade junge Menschen fühlen sich derzeit zu klaren Strukturen und festen Regeln hingezogen. Merken Sie einen zunehmenden Zulauf?

Es gibt sicher einen absoluten Wunsch nach der Suche nach Gott. Die Kirche hat einen Schatz anzubieten, den viele Menschen wieder zu heben beginnen. Das Opus Dei versucht natürlich mitzuhelfen, auch bei der Jugend.

Ist es eines Ihrer Ziele, die Menschen zum Opus Dei zu bringen?

Mein großer Wunsch ist, Menschen zu Christus zu bringen. Das Opus Dei ist ein Weg dazu. Diesem Wunsch widme ich auch mein Leben.


  • Kronen Zeitung Vorarlberg